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Expertenbefragung: Stefan Niggemeier über „Web“ und die Welt 4. Juni 2007

Posted by Daniel Kömpel in Expertenbefragung, Grundlegendes, Journalismus / Neue Medien, Politik 2.0.
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Stefan NiggmeierDer Gründer der Nummer Eins der deutschen Blogcharts, Stefan Niggemeier, war so freundlich, ein paar grundlegende Fragen meinerseits in seinen Terminkalender einzuschieben. Neben dem Schreiben für das BILDblog, das als einer der ersten Weblogs in Deutschland bereits fest Beschäftigte aufweist, ist Niggemeier langjähriger erfolgreicher Medienjournalist und nebenbei auch für den Grimme-Online-Award nominiert.

TheWebSociety: Angeblich nutzen 54% der Deutschen Web 2.0-Angebote. Fällt es Ihnen beim Anblick Ihrer Besucherzahlen (als bekanntestes deutsches Weblog) schwer, das zu glauben?

Stefan Niggemeier: Nein. Wir sind ja kein typisches Web 2.0-Angebot, und Blogs überhaupt sind ja nur ein kleiner Teil dessen, was man unter diesem Begriff zusammenfasst. Die mit Abstand größte Reichweite haben ja laut Nielsen Netratings auch Angebote wie YouTube, MySpace, Wikipedia und Klone davon. Ich finde die Zahl plausibel – auch die der 11 Prozent, die Blogs besuchen.

TheWebSociety: Bezüglich der recht schwachbrüstigen deutschen Blogosphäre: Welche Rolle spielt die Presselandschaft für den Erfolg von Weblogs? Kann man sagen, der Erfolg der Blogosphäre eines Landes ist gegenläufig zum Grad der Pluralität in den klassischen Medien?

Stefan Niggemeier: Ich glaube Ja. Natürlich gibt es viele unterschiedliche Motive, ein Blog zu führen, und viele davon – vor allem die, die man wirklich im weitesten Sinne als eine Art von „Tagebuch schreiben“ bezeichnen kann – sind völlig unabhängig vom Zustand klassischer Medien. Aber es gibt andere, die man durchaus als Reaktion auf Defizite klassischer Medien verstehen kann. Sei es, dass deren Inhalte als zu weit entfernt, zu wenig relevant, zu uninteressant empfunden werden. Oder dass ihnen politische Einseitigkeit, mangelnde Vielfalt, das Unterdrücken bestimmter Themen unterstellt wird. In beiden Fällen sind Blogs ein naheliegendes Medium, selbst publizistisch tätig zu werden. Insofern glaube ich, dass die vergleichsweise kleine Zahl von Blogs in Deutschland unter anderem auch darin begründet ist, dass die Medienlandschaft bei uns noch als relativ differenziert und vielfältig wahrgenommen wird.

TheWebSociety: Gandhi sagte einst: “Eigentlich ist Journalismus viel zu wichtig, als dass damit jemand sein Geld verdienen sollte.” Wenn Profi-Blogger wie John Chow über 12.000 $ mit dem Bloggen und bezahlten Rezensionen verdienen – wie steht es dann um das Selbstverständnis der Blogosphäre, die den großen auf die Finger schauen will?

Stefan Niggemeier: Ich glaube nicht, dass die Blogosphäre als ganzes überhaupt diesen Anspruch, dieses Selbstverständnis hat. Abgesehen davon ist die Professionalisierung natürlich ein zweischneidiges Schwert. Einnahmen ermöglichen es einem Blogger natürlich, mehr Zeit in sein Blog zu stecken – gründlicher zu recherchieren, sorgfältiger zu formulieren, allgemein die Qualität zu steigern. Andererseits ist er dann schnell den Zwängen klassischer Medien ausgesetzt, zum Beispiel, Inhalte nicht um ihrer selbst zu produzieren, sondern um kontinuierlich möglichst viele Leser anzulocken. Es gibt Einnahmeformen, die Blogger weniger anfällig machen für Schleichwerbung und (Selbst-)Korruption, andere befördern sie. Ich glaube, insgesamt überwiegen die positiven Effekte der Professionalisierung – insbesondere, weil es immer Blogs geben wird, die sich jeder Form von Kommerzialisierung widersetzen und es auch können, weil man eben keine finanziellen Mittel braucht, um überhaupt ein Blog zu betreiben.

TheWebSociety: Wie erklären Sie sich, dass trotz der etlichen nachgewiesenen Unwahrheiten in der Bildzeitung, die im BILDblog aufgedeckt wurden, das Blatt sich nach Ihrer eigenen Aussage nicht verändert hat. Ist den Menschen egal, dass sie tagtäglich belogen werden, wenn sie dafür (gute) Unterhaltung bekommen, oder ihre Meinung bestätigt sehen?

Stefan Niggemeier: Für die „Bild“-Zeitung selbst ist die Wahrheit, glaube ich, einfach keine entscheidende Größe. Andere Kriterien (der Unterhaltungswert, die Bestätigung von Lesererwartungen, die Skandalisierung) sind viel größer. Wie das aus Lesersicht ist, weiß ich nicht genau. Es gibt bestimmt Leser, für die tatsächlich die Wahrheit egal ist, wenn sie nur gut unterhalten werden. Ich glaube aber, die Masse weiß einfach nicht, in welchem Maße die „Bild“-Zeitung die Wahrheit verdreht.

TheWebSociety: Die Frankfurter Rundschau – mit der sie ja schon so manches Kleingefecht aufgrund schlechter Recherche seitens der FR ausgetragen haben – hat als erste traditionelle Tageszeitung zum Tabloid-Format gewechselt. Reichen ein neuer Look und ein paar jugendlichere Themen, um junge Menschen zurück zur Zeitung zu bringen? Oder ist dieser Zug ein für alle mal abgefahren und die Verlage sollten sich besser mit multimedialen Konzepten darauf einstellen?

Stefan Niggemeier: Ich glaube nicht, dass die Zeitung schon totgeweiht ist und den Versuch aufgeben kann, junge Leser zu erreichen. Aber ein neuer Look wird nicht reichen. Ich glaube, deutsche Zeitungen müssen viel mutiger, überraschender, meinungsstärker, interessanter werden. Ich habe dafür kein Patentrezept. Aber ich glaube, dass deutsche Zeitungsjournalisten immer noch zu sehr eine Mentalität haben: Was wir schreiben, ist wichtig, und deshalb sollen sich die Leute gefälligst dafür interessieren. Ich glaube, das muss sich verändern zu: Was wir schreiben ist wichtig, und deshalb müssen wir uns sehr viel Mühe geben, das so aufzuschreiben und zu präsentieren, dass die Leute das auch lesen wollen.

TheWebSociety: Denken Sie, dass in absehbarer Zeit mehr und mehr Menschen vom Bloggen leben können?

Stefan Niggemeier: Ja.
(Anm. TheWebSociety: Die Antwort hätte ich mir im Nachhinein betrachtet wohl auch nicht verkneifen können *g*)

TheWebSociety: Sie sagten einmal, die größte Gefahr für die Presse ist die Denke der Leser: „Klassische Medien veröffentlichen Dinge, um damit Geld zu verdienen. Blogger veröffentlichen Dinge, weil sie etwas zu sagen haben.“ Aber – die Werbeeinnahmen im Hinterkopf – neigt man nicht auch ab und an dazu, Storys zu bringen, die erfahrungsgemäß eine hohe Clickzahl aufweisen oder Schlagworte einzubauen, die Traffic generieren? Schließlich ist nirgends eine schnellere und genauere Erfolgskontrolle möglich als bei Blogs.

Stefan Niggemeier: Die Gefahr besteht natürlich. Wir haben vor ein paar Tagen – zugegebermaßen bewusst – einen Eintrag betitelt: „‘Bild‘ klaut ‚Nacktfotos‘ von ‚Topmodel‘-Hana“. Tatsächlich ließ sich durch die Überschrift die Zahl der Leute, die über Google zu BILDblog kamen, für ein paar Tage erheblich steigern. Das war ganz eindrucksvoll. Aber der langfristige Erfolg hängt davon ab, dass die Leute wiederkommen und uns vertrauen. Dass sie uns abnehmen, dass wir BILDblog nicht machen, um möglichst viel Geld zu verdienen, sondern dass das Geld nur Mittel zum Zweck ist, BILDblog machen zu können. Ich glaube, das merken die Leser auf Dauer, welche Motivation hinter einem Blog steht.

TheWebSociety: Die meisten Blogs in den deutschen Blogcharts beschäftigen sich in erster Linie mit Medien, PR und Webtechnik. Zu welchem Grad dreht sich die Blogosphäre um sich selbst?

Stefan Niggemeier: Was die größeren Blogs angeht: zu einem hohen, aber das wird sich ändern. Es ist halt noch eine junge Welt, die mit ihrer Selbstfindung beschäftigt ist.

TheWebSociety: Inwiefern spielt Selbstdarstellung und Credibility eine Rolle? Schließlich sind sehr viele recht ahnungslose aber finanzkräftige Unternehmer derzeit auf der Suche nach externer Beratung …

Stefan Niggemeier: Natürlich hängt viel von der Glaubwürdigkeit eines Bloggers ab, und natürlich geht es um Selbstdarstellung. Mein Blog ist auch meine Visitenkarte. Und niemand schreibt mir vor, worüber und wie ich über ein Thema schreiben soll – insofern sagt mein Blog viel mehr über mich persönlich aus als zum Beispiel meine Zeitungsartikel. Das ist ein großer Reiz an Blogs. Und Persönlichkeit kann man nicht durch noch so viel Geld ersetzen.

TheWebSociety: Die Roten Blogs oder die SPD-Programmwerkstatt waren Versuche der Parteienlandschaft, das Web 2.0 für sich zu nutzen. Die meistbewertete These der Programmwerkstatt von Nico Lumma (vom 28. April) hat derzeit 80!! Stimmen. Warum hat das Web 2.0 bisher wenig Einzug in den politischen Diskurs gehalten.

Stefan Niggemeier: Auch da kann ich nur mutmaßen. Ich glaube, es gibt in Deutschland keine große Tradition, sich politisch einzumischen, direkten Einfluss zu suchen, zu streiten, Kontroversen auszuhalten. Auch die Tradition der Bürgerinitiative wirkt heute merkwürdig antiquiert. Da fehlt uns – gerade im Vergleich mit den USA – eine Tradition.

TheWebSociety: Private Blogs sind jedoch mitunter recht politisch. Manchmal sogar erschreckend politisch. Als Beispiel sie hier Ihr Lieblingsfeind PI genannt. Hier wird unter dem Deckmantel der Aufklärung mitunter rassistische Stimmungsmache betrieben. Glauben Sie, dass das Medium Blog eine Isolierung politischer (extremer) Kreise befördern kann? Schließlich können Blognetzwerke, die sich aufeinander beziehen eine gewisse Glaubwürdigkeit vorgaukeln, die ohne entsprechende Medienkompetenz nicht so leicht aufzudecken ist.

Stefan Niggemeier: Das Internet macht es einerseits sicherlich leichter, Gleichgesinnte zu finden und sich gegenseitig im eigenen, engen Weltbild zu bestätigen. Andererseits ist die abweichende Meinung, die widersprüchliche Tatsache, die potentiell überzeugende Gegenargumentation im Internet auch immer nur einen Klick entfernt. So gesehen glaube ich nicht, dass Blogs irgendeine Form von Isolierung befördern.

TheWebSociety: Was fällt Ihnen zu dem Ziatat: „Das Internet – kurzfristig überschätzt, langfristig unterschätzt“ von Prof. Dr. Jo Gröbel auf Anhieb ein?

Stefan Niggemeier: Stimmt.

TheWebSociety: Vielen Dank Herr Niggemeier

Kommentare»

1. weltherrscher - 4. Juni 2007

schönes interview!

und ein schöner name „thewebsociety“.
ich bin nur auf glociety gekommen. verdammt!
:-)

gruß
weltherrscher

2. Daniel Kömpel - 4. Juni 2007

Danke.

…dann wärst du ja der exakte Querschnitt aus „thewebsociety“ und der Weltregierung geworden *lol*

Steht der Weltherrscher eigentlich über der Weltregierung oder seid ihr eher so eine Art autonomes Kollektiv, dass sich in der Weltbeherrschung abwechselt? *g*

3. weltherrscher - 4. Juni 2007

ich bin der einzige real existierende wahre und wohlwollende weltherrscher.
die anderen, spez. dubble u, fr. merkel usw., sind alles fakes. die habe ich installieren lassen, damit man nicht auf meine herschaft kommt.

verdammt!
jetzt hab ich mich gerade verhudelt.. schade für dich und deine leser *scanmode on*
:-)

4. Daniel Kömpel - 4. Juni 2007

*schluck*

5. weltherrscher - 4. Juni 2007

*blitzdings auspack*
so!
ach nee, geht ja noch gar nicht via i-net.
shit.

*plan b wähle*

6. Tobi - 5. Juni 2007

Ich kann mich da nur anschließen: sehr interessantes Interview, das viele Aspekte anspricht und daher auch ob der Länge bis zum Ende spannend ist. Persönlich interessant finde ich die Aussage mit dem bewussten Titel bezüglich „Nacktfotos“ und „Topmodel“ und den damit verbundenen höheren Klickzahlen.

Ganz unabhängig vom BILDblog habe ich (in letzter Zeit) vermehrt die Erfahrung gemacht, dass, egal um welchen Internet-Anbieter es sich handelt, vor allem diese Reizworte ziehen.

Gleiches gilt für die Bildauswahl. Wenn ich zum x-ten Mal eine Bildergalerie mit Heidi Klum anbiete, wird sie jedes Mal wie wild geklickt. Wenn ich aber einen wirklich interessanten Artikel – um mal fiktiv bei Stefan Niggemeier und seinem köstlichen Vergleich in der F.A.S. zu bleiben – über eine Riesenananas anbiete, interessieren sich nur die wenigsten dafür, schon alleine durch die Bebilderung.

Ich denke daran kann man wenig ändern, aber man sollte sich als Medienschaffender (im Internet) vielleicht einfach fragen, was einem wichtiger ist: billig erreichte, hohe Klickzahlen oder eine Berichterstattung, die Aussage und Information in den MIttelpunkt stellt.

7. Daniel Kömpel - 5. Juni 2007

Ja, ich fand es auch sehr sympathisch, dass Herr Niggemeier bei der Hanna-Story so ehrlich war. Ich denke, es geht den meisten, die in Redaktionen arbeiten so, dass sie sich von der Anzahl der Klicks verleiten lassen. Das ist ja auch zugegebenermaßen verlockend. Ich habe das Experiment hier auch mit dem Artikel über Kinderpornografie in Second Life gemacht. Hat funktioniert. Dabei sollte man für die langfristige Qualität des Angebots und den Informationsauftrag, den man inne hat auf Dauer nie populistisch sein.
“Qualitätsanbieter” wie die F.A.Z. oder auch die Sonntagsausgabe werden sonst den einzigen Vorteil, den sie haben – die Glaubwürdigkeit auf Dauer verspielen …
Aber ich kann gut nachvollziehen, dass das Spiel für Redakteure ernüchternd sein kann – insbesondere, wenn einem die Anzeigenabteilung im Rücken sitzt.

PS: Wenn du das Interview lang fandest, musst du mal das mit Swaran lesen ;)

8. j :: Geld ist leider Vorraussetzung zur Selbstverwirklichung - Glück und Geld? :: February :: 2008 - 26. Februar 2008

[…] recht, aber man sollte deshalb nicht glauben, dass es allen in unserer Gesellschaft gleich gut geht. Im Privatleben hilft einem Geld normalerwiese nicht all zu viel, aber sobald man eigene Projekte […]


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