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Blogs: Förderer der Meinungsvielfalt oder ideologisch abgekapselte Stammtischhetzer? 28. Mai 2007

Posted by Daniel Kömpel in Aktuelles, Journalismus / Neue Medien.
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Tragen Blogs in Deutschland zum politischen Diskurs bei? Oder fördern sie gar Desinformation und eine Frontenbildung der politischen Lager?

Ein Paradebeispiel der letzteren Sorte ist sicherlich das von Stefan Herre (Steckblatt vom Parteibuch-Blog) betriebene Weblog „Politically incorrect“ (PI). Mit laut eigener Statistik ca. 8.000 Besuchern pro Tag und einem Platz 66 in den deutschen Blogcharts ein nicht zu unterschätzendes Portal, die Breitenwirkung betreffend.

Das Weblog rühmt sich damit, politisch inkorrekt zu sein und unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Es bekennt sich als pro-amerikanisch, pro-israelisch, islamkritisch und als Wahrer der Grundgesetze und Menschenrechte. Das alles klingt erst einmal wenig skandalös, zum Teil sogar sympathisch, wird es mit der Political Correctness in Deutschland doch manchmal auch übertrieben. Es bekommt aber eine neue Qualität, wenn man sich ein wenig mit den Inhalten des Weblogs und dessen Leserschaft beschäftigt …

Ein aktueller Beitrag um die Festnahme Volker Becks in Moskau ist ein nettes Anschauungsobjekt. Hier wird Beck vorgeworfen, nur eine PR-Kampagne für sein eigenes Image zu betreiben. Um auch umgehend einen Bezug zum Hauptthema des Blogs – Islamfeindlichkeit – herzustellen, rät Stefan Herre, sich einmal in Berlin für Homosexuelle einzusetzen, statt im fernen Russland. Denn hier machten es schwulenfeindliche Muslime Homosexuellen zum Teil unmöglich, bestimmte Straßen zu betreten.

Diese etwas weit hergeholte populistische Keule fand auch Stefan Niggemeier, Journalist und Mitbetreiber des erfolgreichen BILDblogs etwas unangebracht. Erwartungsgemäß reagiert auch PI mit einem Beitrag, der schon bei der Bebilderung unter die Gürtellinie geht: Es wird ein selbstgerecht wirkendes Comic-Schwein gezeigt. Die Vermutung liegt nahe, dass damit Niggemeier gemeint ist.

Mit Bildvergleichen auf Stürmer-Niveau, Aufrufen zu nicht verfassungskonformen Stalker-Aktionen, Spam-Aufforderungen und dem Verletzen von Urheberrechten hat PI ohnehin offensichtlich seit längerem ein Problem. Weniger aber mit homophoben, aufhetzenden und fremdenfeindlichen Kommentaren. Herre, der sich selbst als Chefredakteur bezeichnet, offenbar aber keinerlei journalistische Vorkenntnisse hat, sieht demnach auch Artikel 5 Absatz 1 des Grundgesetzes, dessen Verteidigung er sich rühmt, eher locker. Radikale Propaganda, gar Gewaltaufrufe gegen Muslime und Beleidigungen Andersdenkender werden unter dem Verweis auf die Meinungsfreiheit größtenteils geduldet, kritische Stimmen, die die Argumentation hinterfragen oder eben nicht auf Linie sind werden nachweislich gelöscht.

„Es sind geht nicht um den Rechtsextemismus alter Prägung […]. Es geht um einen neuen Rechtsextremismus, der Juden anschleimt, um einen Deckmantel zu haben. Es geht um einen völlig überzogenen Pro-Amerikanismus, der die äußerste politische Rechte in den USA zum Vorbild hat und so versucht, politische Gegner in Deutschland als Feinde der Freiheit zu diffamieren. Neue Strategien, alte Inhalte.“ Don Alphonso auf Blogbar

Von journalistischer Sorgfalt kann keinesfalls die Rede sein, wie bluejax hier sehr sorgfältig zusammenfasst. Das erschreckende ist nun, dass eine gewisse Medienkompetenz nötig ist, um dies und gar bewusste Meinungsmache unter Ausblendung von Gegenargumenten zu entlarven.

Um so mehr erschreckt es mich, dass sich PI als Aufklärer in einer von „Grünen, Sozis, Islamfreunden und Gutmenschen“ unterwanderten Gesellschaft aufspielt. Beispielsweise bezüglich Hitlers geplanter Kollaboration mit den Palästinensern und der Ausweitung des Holocaust auf den Nahen Osten.

Hier wird sich damit gerühmt, dass diese Aufklärung auch Schüler erreicht, die sich dank des auf PI angeeigneten Wissen – das natürlich überall sonst unter Verschluss gehalten wird, gute Noten erarbeiten konnten:

„[…] als wir heute im Geschichts-Leistungskurs über den Holocaust geredet haben, war mein Lehrer völlig erstaunt, als ich von den Kooperationen zwischen den palästinensischen Führern und Hitler und dem geplanten Holocaust in Palästina berichtete. Woher sollte er dies auch wissen: Es steht mit Sicherheit in keinem Geschichtsbuch in ganz Deutschland, und auch sonst wird man nirgendwo Artikel zu diesem Thema finden, wenn man nicht sehr gezielt danach sucht. Ich bin froh, dass ich einen sehr guten Geschichtslehrer habe […]. Die meisten anderen Lehrer hätten wohl […] die Tatsachen geleugnet. In diesem Sinne wollte ich mich bei euch bedanken: Ohne euch hätte ich wahrscheinlich niemals etwas von diesem Thema erfahren […]“ J.P. auf PI

Das finde ich durchaus alarmierend und ist meiner Ansicht nach ein Beleg dafür, dass das Medium Blog ideologisch vorgeprägte Meinungen statt pluralistischen Diskurs befördern kann. Das Medium hat neben den nicht abzustreitenden Vorzügen auch seine Schattenseiten.

Laut einer Studie auf Mediaperspektiven ist für Nutzer des Web 2.0 ein großer Vorteil, „Gleichgesinnte kontaktieren zu können und sich in vernetzten Strukturen über ein gemeinsames Thema auszutauschen.“ Ebenso die „(persönliche) Bekanntschaft oder die sich entwickelnde Vertrautheit mit dem jeweiligen Blogger. Die Anzahl der besuchten Weblogs indes unterliegt natürlich einer zeitlichen Begrenzung. Die Auswahl erfolgt zudem oftmals über die Blogrolls der für „gut“ empfundenen Seiten, was bewirkt, dass man sich in einem gewissen Dunstkreis bewegt. Auf diese Art bilden sich Netzwerke heraus, die am Beispiel der pro-amerikanischen Neokonservativen wunderbar nachzuvollziehen sind. Natürlich ist das auch für alle anderen politischen Gesinnungen der Fall – oben stehendes Beispiel ist nur exemplarisch.

Solange für Weblogs keine journalistische Sorgfaltspflicht wie für klassische Printprodukte besteht und man sich ungestraft über rechtliche Konventionen, Copyrights und sogar das Grundgesetz hinweg setzen kann, dabei aber absichtlich den Eindruck von professionell recherchiertem Journalismus erweckt, besteht meines Erachtens ein großes propagandistisches Potenzial, das nicht unterschätzt werden sollte. Denn wenn nur genügend Blogger ihre ideologisch verblendeten Ansichten ins Netz stellen und sich in der Argumentation aufeinander beziehen, können „Tatsachen“ willkürlich geschaffen werden, denen dann auch professionelle Journalisten (die Blogs mehr und mehr als Informationsquelle nutzen) schon einmal auf den Leim gehen können.

Kommentare»

1. alvanx - 29. Mai 2007

Höchst gefährlich! Da kann man nur hoffen, dass es immer genügend von der anderen Sorte gibt, die durch den Schleier dringen können, eigenständig nachforschen und dann auf eigenen Blogs Dinge klarstellen und Probleme hervorheben.
Diese werden dann bloß leider vermutlich eher eine kaum gelesene Minderheit bleiben – wer die richtige Art von Propaganda betreibt, zieht die Menschen an, und populistische Parolen sind willkommener als Wahrheiten. Wenn es also keine wirkliche Handhabe gegen so etwas gibt, bleibt nur zu hoffen, dass so etwas möglichst niemals vorkommen wird!
Gibt es denn schon Beispiele dafür, dass gezielte Desinformationskampagnen durch Blognetzwerke dieser Art schon erfolgreich durchgeführt wurden und selbst Einfluss auf die professionelle Medienberichterstattung nahmen?

Auch allgemein ist das im Internet ein Riesenproblem, dass man keine Gewähr haben kann, ob Informationen a) zuverlässig, b) vollständig und c) objektiv sind. Selbst Wikipedia ist – zumindest in politischen Themen – nicht gerade präzise.
Gibt es hier schon Lösungsansätze oder Projekte, um die Zuverlässigkeit von Informationen zu gewährleisten? Was taugt etwa das citizendium?

2. affiliateo - 29. Mai 2007

Spiegel, Focus, Stern und Co zensieren doch auch am laufenden Band die Kommentare. Ist Zensur was Neues?

3. Daniel Kömpel - 29. Mai 2007

@alvanx:
Danke für den ausführlichen Kommentar, hier müsste ich noch ein wenig recherchieren, mir fällt auf anhieb das Beispiel eines manipulierten Bildes von George W. auf einem Flugzeugträger ein, das den Weg in klassische Medien fand.
Sicherlich ist das ein Problem, das nicht nur Blogs betrifft. Auch bei Printmedien ist man natürlich besser beraten, Informationen zu hinterfragen. Das sind schließlich auch nur Menschen. Und Verlage sind ja auch nicht frei von Gesinnungen – das BILDblog ist ja ein Vorzeigebeispiel, dass Blogs auch die Funktion des Überwachers übernehmen können …

@affilateo
Prinzipiell haben Verlage sozusagen Hausrecht – alles, was gegen die Nettiquette oder das Grundgesetz verstößt, kann bzw. muss von den Verlagen gelöscht werden. Dass dort aber nicht gerne gesehene Meinungen zensiert werden, halte ich für ein Gerücht. Bei Foren, die einem Verlag angegliedert sind, wäre das m. E. rechtlich auch nicht korrekt. Ich kann jedoch nur für die Online-Redaktion der FR sprechen, bei der ich mein BPS verbracht habe. Eine Zensur, wie du sie unterstellst, ist dort undenkbar und ein solcher Fall ist auch in den drei Monaten, die ich dort verbracht habe mit Sicherheit nicht vorgekommen.
Davon abgesehen kann man nicht Unrecht mit anderem Unrecht rechtfertigen.

4. bluejax - 29. Mai 2007

Ein sehr schöner & gut geschriebener Artikel über die Gefährlichkeit/Fragwürdigkeit von Herre & PI!

Vielen Dank auch für die Verlinkung!

Übrigens habe ich mittlerweile davon abgesehen, einen direkten Link zu PI zu setzen. Zwar wäre dies bei einer Berichterstattung darüber durchaus fair & angebracht. Allerdings verhilft man Herre damit auch gleichzeitig zu einer besseren Platzierung in den Blogcharts, was eie erhöhte Aufmerksamkeitbedeutet. Nach Abwägung dieser beiden Aspekte habe ich dann auf mein gutes Gewissen & Verantwortungsbewusstsein vertraut & einen „leeren“ Link gesetzt (also lediglich die reine Url)!

5. Daniel Kömpel - 29. Mai 2007

Vielen Dank,
deine Artikel waren sehr hilfreich gewesen – so ausführliche und gründlich geschriebenen Blogbeiträge findet man eher selten. Ich habe mir anfangs auch überlegt, keine direkten Links zu legen – das ist ja das paradoxe, dass PI dadurch die meiste Aufmerksamkeit erlangt (OK, nicht von mir, aber von anderen) und Herr Herre sich ins Fäustchen lacht …

Aber da sich der Artikel ohne die Original-Quellen schlecht nachvollziehen lässt und das hier Teil einer Diplomarbeit ist, konnte ich nicht umhin, es so zu handhaben. Das soll es aber auch gewesen sein mit Verlinkungen von mir.

6. Daniel Kömpel - 29. Mai 2007

*lol* den Link will ich euch nicht vorenthalten. Offenbar sind sogar Amerikaner und Juden not amused über die Inhalte von PI.

7. Weltregierung - 30. Mai 2007

….in der Tat sollten Sie es vermeiden direkte Links zu setzen.
Dieses eben nicht zu tun – sprich die url der Zitate für die Suchmaschinen unbraucbar zu mache – wäre eine qualifizierte Handlung die einer Diplomarbeit angemessen wäre. Wenn der leser dorthin will – muss er eben die url wieder brauchbar machen und in die Browserzeile eingeben.

think about it.

– Grussregierung.

8. Lesetipps vom 01-06-2007 - Finger.Zeig.net - 2. Juni 2007

[…] – Blogs: Förderer der Meinungsvielfalt oder ideologisch abgekapselte Stammtischhetzer? « The Web… (tags: Desinformation Stammtisch Islam Muslime Hetzblogs) Diese Icons verzweigen auf soziale […]

9. Oweboawsmooge - 16. Januar 2008

Make love, not war!

10. Torsten - 29. Juni 2008

Sorry, das ich das hier nochmal vorkrame: Exzellent geschrieben und sehr fundiert. Meinen Respekt!


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