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Stell dir vor, alle sind online und keiner macht mit … 15. Mai 2007

Posted by Daniel Kömpel in Aktuelles, Journalismus / Neue Medien, Private Netzwelten.
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Wie nun, was nun? Ganz Deutschland ist online – aber nach der weit verbreiteten 90-9-1-Regel gestalten nur wenige aktiv das Internet mit? Oder haben wir gar eine Million Blogger in Deutschland, wie es eine aktuelle Focus-Umfrage unterstellt? Je nach Untersuchungszweck, untersuchendem Institut und zugrunde gelegten Annahmen ist die ganze Palette nur vorstellbarer Ergebnisse erhältlich:

Zum Beispiel ist ein Web 2.0-Nutzer in manch einer Untersuchung jeder, der innerhalb der letzten 30 Tage einmal eine wie auch immer geartete Plattform besucht hat, die Interaktion zulässt. Das dürfte dann ja auf beinahe jeden zutreffen. Auch der Spiegel scheint ob der immer neuen und immer wieder anders lautenden Meldungen verunsichert:

„Besonders viele Websurfer scheinen sich an dem als „Mitmach-Internet“ gepriesenen Web 2.0 nicht zu beteiligen. Eine Studie legt nahe, dass Webseiten und Online-Dienste die zu Interaktion aufrufen, meist nur zur Berieselung genutzt werden.“ SPIEGEL online, 18.4.2007

Von nur 0,16% aktiver Nutzer (von Youtube) ist hier die Rede. Das will das Marktforschungsinstitut Hitwise in Erfahrung gebracht haben. Etwa zwei Wochen später die Kehrtwendung:

„Es beteiligen sich doch mehr Onliner als gedacht aktiv am Mitmach-Netz – und es werden täglich mehr. Ganz weit vorne: Apple-Anwender. Sie entsprechen genau der Zielgruppe der sozialen Netzwerke.“ SPIEGEL online, 3.5.2007

Etwa 13% der Onliner (insbesondere die möchtgernhippen kreativen Apple-Nutzer) tragen nun aktiv dazu bei, Inhalte im Web zu erstellen und zu verbreiten. Diesmal ist das Marktforschungsunternehmen Forrester der Meinungsmacher. Für nur 279$ kann man sich gleich die komplette Studie kaufen und sich den Web-2.0-Beraterjob noch ein wenig einfacher machen …

Doch zurück zum Anfang: Wie viele Menschen in Deutschland betreiben tatsächlich einen eigenen Blog? Einen etwas anderen Ansatz zur Feststellung der tatsächlichen Bloggerzahl, als nur zweifelhafte Nutzerbefragungen, hat blogcensus, wie Sonja auf Pinkbanana feststellt: „Mit speziell konzipierten Suchmechanismen und redaktioneller Pflege der Datenbank“ wird in diesem Projekt versucht, die Tatsächliche Anzahl aktiver Blogs in Deutschland festzustellen:  

„blogcensus kennt zur Zeit 59.253 deutschsprachige Blogs.“

Auf ca. 140.000 Blogbetreiber kommt Popkulturjunkie Jens laut eigener Untersuchung. „Das klingt intuitiv glaubhafter“, meint auch Robert Basic. Eine Zahl, die über die eigene Intuition hinausgeht, kann er aber auch nicht anbieten.

Aber irgendwie ist es reizvoll, die o.g. Focus-Studie zu bashen – also hier mal ein kleines Zahlenspielchen: laut aktuellen Daten der recht glaubhaften Media-Perspektiven von ARD/ZDF nutzen ca. 5% aller Deutschen über 14 Jahre SoSo-Angebote beinahe täglich (Bedingung für das ernsthafte Betreiben eines Weblogs). Ausgehend von einer ca. 70 Millionen Menschen starken Grundgesamtheit wären das ca. 3,5 Mio. Deutsche. Davon nutzen nur etwa 20% überhaupt Weblogs. Bleiben also etwa 700.000 regelmäßig aktive Blog-Nutzer. Legt man nun die unterschiedlichen Ergebnisse bezüglich der Relation aktive/passive Nutzer zugrunde (1-15%), kommt man rein rechnerisch auf 7.000 – 105.000 aktive Blogbetreiber. Selbst wenn man den Kreis auf Nutzer ausweitet, die nur etwa einmal pro Woche SoSo-Angebote nutzen, kommt man auf ca. 4,8 Mio. Blognutzer insgesamt, also ca. 48.000 – 720.000 Blogbetreiber. Hier würde man aber an allen Punkten das absolute Maximum unterstellen.

Das Ergebnis von Focus erscheint mir also mehr als fraglich. Wie viele Menschen aber tatsächlich das Web 2.0 ernsthaft nutzen, weiß ich immer noch nicht. Allerdings, dass SoSo-Nutzer offenbar weitaus passiver sind, als allgemein angenommen:

Kommentare»

1. 7an - 18. Mai 2007

Super Sache. Ein wenig Elitarismus ist gar nicht verkehrt.

2. Mike B. - 21. Mai 2007

Zuviele Hunde sind des Hasen Tod…..gleiches gilt wohl auch im Bereich der Blogs….wenn jeder meint, er müsse selbst einen Blog betreiben, dann leiden Qualität (ist ja inzwischen viel Schrott unterwegs) und die Neigung sich zu engagieren und in Blogs einfach nur mitzuwirken, sinkt gewaltig.

3. Daniel Kömpel - 21. Mai 2007

Das meistgebrachte Argument gegen diese Ansicht ist ja, dass schließlich jeder für sich selektieren kann. Technorati & Co. ermöglichen es ja, sich von den eigenen Interessen gesteuert durch die Blogosphäre zu bewegen.

Doch habe ich auch die Vermutung, dass die schiere Vielfalt das Auffinden der Themen, die ich suche erschwert. Auch Tagging und Verschlagwortung stößt irgendwo an Grenzen. Und wenn ich zu einem Thema 500 Blogbeiträge finde, wird es irgendwo willkürlich, welche ich tatsächlich lese.

Es sei denn, ich verlasse mich auf die Gewichtung der Autorität durch die Suchmaschinen. Doch entstand diese Gewichtung vielleicht aufgrund der Kompetenz des Blogbetreibers auf einem ganz anderen Gebiet. So oder so: das Social Web bedarf m. E. eines hohen Involvements, um davon tatsächlich profitieren zu können. Diese Involvement sind bisher nicht allzuviele bereit aufzubringen …

4. Valerie Ponell - 21. Mai 2007

Die Umfrage von Forrester sieht doch so schlecht gar nicht aus, wie ich finde – auch wenn sie sich auf US-Internetnutzer bezieht. Vor allem finde ich die Web 2.0 Beteilungsleiter und deren Aufteilung in verschiedene Nutzerarten recht gelungen. Die gibt’s hier zu sehen: http://blogs.forrester.com/charleneli/2007/04/forresters_new_.html

5. Daniel Kömpel - 21. Mai 2007

Hi Valerie,
du hast recht, das ist schon interessant. Der Ansatz, erst zu überlegen, welche Zielgruppe man mit wie erreichen will, sollte natürlich jeder Kommunikationsstrategie zugrunde liegen. Leider ist es nach meinem Gefühl meist anders herum: „Mensch, wir müssen auch mal nen Blog machen – das ist gerade angesagt.“

Die Aufteilung der User in die Fünf Kategorien ist Imho ein wenig ungenau, da es so viele Überschneidungen gibt. Außerdem stehen die Ergebnisse (zumindest was den Grad der Beteiligung betrifft) im Gegensatz zur o. g. Studie. Das dürfte aber an der Grundgesamtheit der „Online-Shopper“ liegen, denke ich …

6. 7an - 22. Mai 2007

@Daniel: Ich muss gar nicht so viele Blogs finden. Ich habe drei Blogs, die mir wirklich wichtig sind und die ich kommentiere. Und diese Blogger lesen und kommentieren auch bei mir. Das reicht doch. Eine kleine nette Runde.

7. Daniel Kömpel - 22. Mai 2007

Das bringt mich zum Thema der ideologisch abgekapselten Nutzerkreise – worüber ich auch bald noch einen Artikel schreiben werde. Trotz der großen Vielfalt im Netz, die für den Otto-Normal-User – ach, was sage ich – von NIEMANDEM gänzlich zu durchschauen ist, neigt man dazu, sich auf nur wenige Quellen zu beschränken, die dem eigenen Gusto entsprechen. So entstehen Nutzerkreise, die sich selbst genügen – z.B. die Neo-Konservativen um Politischinkorrekt und schlimmeres. Mit der viel beschworenen Vielfalt ist es da nicht weit her …

8. Expertenbefragung: Stefan Niggemeier über "Web" und die Welt « The Web Society - 4. Juni 2007

[…] TheWebSociety: Angeblich nutzen 54% der Deutschen Web 2.0-Angebote. Fällt es Ihnen beim Anblick Ihrer Besucherzahlen (als bekanntestes deutsches Weblog) schwer, das zu glauben? […]


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