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Kinderpornografie in Second Life – überrascht? 8. Mai 2007

Posted by Daniel Kömpel in Aktuelles, Private Netzwelten.
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Der Report aus Mainz berichtet in der gestrigen Sendung über Second Life. Alle nur erdenklichen positiven Reportagen sind medial durchgekaut – also ist jetzt mal ein erschreckender Aufdeckungsbericht dran: Virtuelle Kinderpornographie ist das Thema. Natürlich ordentlich bebildert und mit erschreckenden O-Tönen:

„Es ist einfach nur erschütternd, und wenn man sich dann vorstellt, dass dort, hinter diesen Spielfiguren reale Menschen stehen […] dann sind das wirklich Anleitungen zu sexueller Ausbeutung, zu sexuellen Verbrechen an Kindern.“ (Lutz-Ulrich Besser, Zentrum für Traumatherapie, Niedersachsen)

Warum ausgerechnet er ein Experte ist, sei mal dahin gestellt. Es geht konkret um den Fall, dass ein deutscher SL-User einem getarnten ARD-Reporter-Team reale kinderpornographische Bilder angeboten hat, wohl nachdem man sich zum virtuellen Sex verabredet hat. Diese Bilder könne man dort überall bekommen. Franz Patzig bemerkt dazu auf Franztoo, dass er bezweifelt, dass man diese Bilder einfach so zugeschickt bekommt… Auch finde ich es ein wenig fraglich, dass die Reporter die virtuellen Ausschweifungen offenbar mitgemacht, wenn nicht sogar angeleiert haben. Nennt sich das in Deutschland nicht Anstiftung zu einer Straftat?

Auch auf Spiegel Online findet sich ein Bericht zu dem Thema, der aber in erster Linie auf Jugendschutz-Aspekte eingeht. Was meiner Meinung nach die Problematik total verkennt: SL ist eine virtuelle Realität – die wenigsten Kinder (zumal Reallife-Minderjährige ohnehin keinen vollen Zugriff haben) werden sich wohl in SL freiwillig „sexuell missbrauchen“ lassen. Das Problem ist doch vielmehr, dass in dieser virtuellen Welt eben jeder das Aussehen annehmen kann, dass er will. Und viele spielen dann eben ein Kind – der Großteil vollkommen ohne Hintergedanken.

Dass Sex einer der treibenden Faktoren des Internet ist, sollte den meisten, die ein E-Mail-Postfach besitzen, mittlerweile aufgefallen sein. Da wird sich der Betreiber Linden Labs auch kaum einen Strich durch die Rechnung machen lassen. Schließlich will man Geld verdienen. Schon kommen solche unüberlegten Forderungen:

„Linden Lab hätte ganz einfache Möglichkeiten den sexuellen Missbrauch zu verhindern, indem sie einfach ihre Welt so programmieren, dass zum Beispiel der sexuelle Kontakt zwischen Kindern und Erwachsenen nicht möglich ist.“ (Friedemann Schindler, jugendschutz.net)

Was sich als schwierig erweisen dürfte, da es keine einprogrammierte Unterscheidung zwischen Kind und Erwachsenem gibt. Nochmal: das Besondere an SL ist, dass man jede Erscheinung annehmen kann – wenn man will auch ein Flying Spagetti Moster. Bei 6 Millionen Usern dürfte es schwer werden, jedes Avatar daraufhin zu prüfen, ob es evtl. noch nicht erwachsen ist …

Wieder einmal werden mit Hilfe solches „Schockjournalismus“, der alle Ansprüche an eine hohe Quote erfüllt, vorschnelle und undurchdachte Maßnahmen gefordert, die die tatsächlichen Probleme weiterhin verschleiern. Dabei sollte man sich über einige Punkte im Klaren sein:

  • Virtuelle Welten sind Abbilder der realen Welt, gestaltet von realen Menschen. Wer kann so blauäugig sein, zu erwarten, dass in dieser Welt nichts Illegales geschieht.
  • Wenn etwas Illegales geschieht, kann man nicht gleich alles abschalten oder die Welt so weit beschneiden, dass darunter der Eindruck des virtuellen Erlebens leidet. Das wäre das Todesurteil für alle virtuelle Welten. Es ist einfach unmöglich, eine virtuelle „Realität“ anzubieten, wenn dort alles illegale gefiltert werden soll. Das ist nicht machbar – folglich bliebe nur die Schließung (vgl den Fall digg.com).
  •  Man schließt ja auch nicht das Reallife, weil irgendwo ein Verbrechen geschieht.
  • Für mich ist es – auch wenn ich es in keiner Weise gutheiße – immer noch ein gewaltiger Unterschied, ob jemand per PC-Tastatur virtuellen Sex mit einem pixeligen Avatar hat, oder ob jemand tatsächlich ein Kind missbraucht. Laut Staatsanwalt Peter Vogt erfüllt dies aber denselben Tatbestand. Das finde ich erstmal seltsam, da objektiv betrachtet keiner leidet, wenn sich zwei erwachsene Psychos im Netz treffen und da in ruckeligen Animationen aufeinander rumhoppeln …
  • Es gibt – wie im echten Leben – in SL auch entsprechende Gegeninitiativen. Und nicht nur gegen Päderasten – auch gegen Faschisten und eben alles, was es im echten Leben auch gibt.
  • Das eigentliche Problem ist, dass es keine allgemeingültige Internet-Rechtslage gibt. Solange diese nicht länderübergreifend eingeführt wird, hat der Betreiber keine Handhabe – vielleicht sollte man SL (oder das Internet) zum eigenen Staat erklären, so dass jeder, der sich dort strafbar macht, auch dort angeklagt werden kann – stellvertretend an einem beliebigen Gericht auf der Welt, das in diesem Fall nach „Internet Law“ richtet, auf das sich vorher die Länder verständigt haben. Die Einhaltung dieser Gesetze könnten Online-Polizisten – sogenannte Gamemaster, wie auch in MMORPGs üblich, übernehmen. Das wäre wahre Abschreckung ohne unnötige Regulierung, würde die 3D-Welt noch realer machen und sogar ein echter Arbeitsplatzmotor sein. *bg*

Oder wir einigen uns darauf, was Elsa in seinem Nacht(b)revier vorschlägt: Lassen wir doch einfach alle Idioten in SL herumlaufen – vielleicht haben wir dann weniger auf unseren Straßen ;)

Kommentare»

1. Mike B. - 21. Mai 2007

Die Anonymität des Internets zieht düsteres Gesindel geradezu an. Und ehrlich gesagt hört bei Kinder-Pornografie jegliches Verständnis auf. Bei diesem Thema wie auch bei Gewaltverherrlichung und braunem Nazi-Mist sollte die Internet-Gemeinde keinerlei Gnade kennen! Und ja, die Betreiber haben für Sauberkeit zu sorgen – denn nur kassieren (oder sich für die tolle Site feiern lassen) und ansonsten immer die Hände in Unschuld waschen geht garnicht!

2. Daniel Kömpel - 21. Mai 2007

Nun ja – natürlich hört bei Kinderpornografie das Verständnis auf. Ich habe dem ja auch keines entgegengebracht. Natürlich sind auch die Anbieter der Plattformen verpflichtet, ihr Möglichstes zu tun, um derartigen Missbrauch zu unterbinden. Doch gibt es eben auch technische Grenzen bzw. man muss abwägen, in wie weit totale Kontrolle der freien Meinungsäußerung und kreativen Freiheit vorzuziehen ist. Schließlich nutzen – da schieße ich jetzt mal ins Blaue – 99% der User diese Plattformen vollkommen gesetzestreu.

Das wäre die gleiche Diskussion wie etwa bei Alkohol und Fastfood: Sicher sind diese für die meisten Tode in Deutschland verantwortlich – aber ein Verbot kann doch niemand ernsthaft fordern, oder?

3. Mike B. - 25. Mai 2007

Wer spricht von Verboten? Freie Meinungsäußerung und kreative Freiheit hören dort auf, wo Menschen geschädigt werden. Ich bin lediglich dafür, nein, ich fordere, dass Verantwortlichkeiten erkannt werden und Maßnahmen erfolgen.

4. Daniel Kömpel - 25. Mai 2007

Das ist ja der Punkt – wer wird dabei geschädigt, wenn zwei Erwachsene auf Second Life unbedingt als kindliches Avatar aufeinander rumhoppeln wollen? Das ist ätzend, aber dann müsste man auch die hälfte aller japanischen Manga-Comics verbieten. Da sehen auch alle Frauen irgendwie kindlich aus … Außerdem Vladimir Nabokovs „Lolita“ etc.

5. Valerie - 27. Mai 2007

Sex mit Tieren ist auch verboten und bisher hat sich niemand darüber aufgeregt, dass die Furry-Waschbäravatare in SL Sex haben – und bestimmt nicht nur untereinander.

Diese öffentliche Debatte ist wirklich lächerlich, und das mal wieder wegen hohlem „Schockjournalismus“, wie Du es richtig sagst. Ich kann es einfach nicht mehr sehen, wie sich angebliche Experten und todesmutige Journalisten populistisch zu Themen äußern, ohne sich vorher einmal eindringlich damit zu befassen und von allen Seiten zu beleuchten – vor allem, wenn es viele Menschen gibt, die davon betroffen sind. Das hat schon die „Killerspiel“ Berichterstattung eindeutig gezeigt.

6. Daniel Kömpel - 27. Mai 2007

Darauf bin ich noch gar nicht gekommen. Am Freitag gab es zu dem Thema eine sehr gute und ausgeglichene Reportage auf Spiegel TV. Der einzig gut recherchierte und neutral angelegte Bericht, den ich im deutschen Fernsehen bisher gesehen habe. Darin wurde einerseits mit dem Gewaltgenerierungspotenzial der Ego-Shooter aufgeräumt, andererseits aber die Suchtgefahr von Computerspielen tiefgründig dokumentiert. Auch auf den Zukunftsmarkt Computerspiele wurde eingegangen.
Die Zusammenfassung auf SpOn ist leider wieder ein wenig reisserisch und populistisch geraten. Schade, dass es im Netz nicht den ganzen Bericht zu sehen gibt – auch nicht auf dem Spiegel-Video-on-demand-Portal. In dem Bericht wurde auch das Alter Ego einer jungen Frau gezeigt, die in SL seit langem eine Art weiblichen Bugs Bunny spielt und sogar online verheiratet ist – mit einem männlichen Bunny. Machen die sich dann auch strafbar, wenn sie virtuellen Sex haben?


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