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Friedensmacht (neue) Medien – Teil 2 5. Mai 2007

Posted by Daniel Kömpel in Aktuelles, Journalismus / Neue Medien.
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„Eigentlich ist Journalismus viel zu wichtig, als dass damit jemand sein Geld verdienen sollte.“ (Mahatma Gandhi)

Dass Mahatma Gandhi neben seiner Tätigkeit als Anwalt auch bereits früh Publizist und Journalist war (Buchtipp), war eines von vielen interessanten Learnings auf dem gestrigen Vortrag „Friedensmacht Medien“ in Darmstadt. Weder auf der deutschen noch auf der englischen Wikipedia-Seite wird dies überhaupt erwähnt. Dabei gilt der Salzmarsch als eine der wohl wirkungsvollsten, geplanten Medienkampagnen des 20. Jahrhunderts.

Der vom alternativen Nobelpreisträger Johann Galtung geprägte Begriff „Friedensjournalismus“ war ein Kernpunkt des Vortrags von Martin Zint (siehe Vorbericht). Ein kontroverser Begriff, so Martin Zint, der bei Journalisten ob der implizierten mangelnden Objektivität immer wieder auf Ablehnung stößt.

Hier aber erstmal ein kleiner medialer Einstieg zum Israel-Palästina-Konflikt:

Besonders gefällt mir an dem Video, dass am Ende der „Ball“ dem Zuschauer zugespielt wird.

Was die Kritik der mangelnden Distanz zum Thema im „Friedensjournalismus“ betrifft, entgegnet Martin Zint mit einem Bild: 

Journalistenzeitschriften

Fachzeitschriften werden in erster Linie von den dahinter stehenden Branchen finanziert – wo ist die journalistische Distanz, wenn ich über ein Auto berichte, das ich mir für ein Wochenende ausleihen durfte? Wo, wenn ich über einen Reiseanbieter berichte, der mir einen Wochenendtrip finanziert hat?

Diese Branchen gibt es beim Friedensjournalismus nicht. Es gibt keinen Zwang, eine höchtsmögliche Auflage, möglichst viele Visits zu erreichen. Ein großes Problem im klassischen Journalismus, so Zint. Denn dies führt dazu, dass immer nur Ereignisse mit möglichst fatalen Auswirkungen, wie Bombenanschläge in die Medien geraten, langwierige Prozesse, die friedenswirksame Projekte erklären dagegen kaum. Eben so wenig wie Regionen, die wirtschaftlich von geringem Interesse sind. Das erklärt, warum es in ganz Westafrika laut Zint keinen einzigen dauerhaften deutschen Korrespondenten gibt. Und das obwohl beispielsweise der Liberia-Krieg einer der grausamsten Konflikte des 20. Jahrhunderts war.

Dementsprechend sind die Verdienstmöglichkeiten von Friedensjournalisten auch begrenzt. Doch gibt es auch andere Bestätigungen für die eigene Arbeit. So hat der Einsatz für das “Erdölprojekt Tschad/Kamerun” bereits mehreren Menschen das Leben gerettet. Man bezahlt eben Selbstverwirklichung häufig mit Einkommensverlust … 

„Audiovisuelle Medien sind sehr gut geeignet, um neue Verhaltensmuster in sozialen Gruppen auszulösen.“ (Martin Zint)

Es gibt beeindruckende Beispiele, wie Medienprojekte in Afrika, wo Zint hauptsächlich journalistisch aktiv ist, die Zivilgesellschaft unterstützen kann, eine funktionierende Gesellschaft aufzubauen. Der Nachteil dieser Medien ist allerdings, dass sie kaum Interaktion zulassen und den Empfänger nicht, wie in Berthold Brechts Radiotheorie gefordert, in Bezug setzen kann, so Zint.

Ist das nicht genau der Punkt, an dem Social Software ins Spiel kommen sollte? Warum gibt es tausende von Blogs, die sich mit dem Bloggen an sich, mit DSDS oder Marketing auseinandersetzen, aber nur so wenige SoSo-Projekte, die sich für die Friedensförderung engagieren?

  • Oder welche viel versprechenden Projekte dieser Art kennt ihr?

Kommentare»

1. alvanx - 6. Mai 2007

Keines! Aber warum auf andere zeigen und nicht selbst mit gutem Beispiel vorangehen? Warum Probleme aufzeigen, ohne eine Lösung zu präsentieren? Aber ich verstehe schon: Das ist nicht der Sinn dieses Blogs.
Genausowenig wie der Sinn meines Blogs. Obwohl ich die Notwendigkeit – oder Nützlichkeit – erkenne. Wir sitzen letztendlich doch alle im selben Boot.
Warum startet niemand von uns ein Blog, um soziale Projekte zu unterstützen? Weil unser Herz nicht dafür schlägt, weil es uns nicht begeistert. Weil soziale Projekte ganz einfach nicht unsere Hobbys sind (oder sonstige Motivation, ein Blog zu starten). Wir finden Hilfsprojekte ohne Zweifel ganz toll und spenden vielleicht hin und wieder etwas – aber wenn unser Herz nicht dafür schlägt, setzen wir uns nicht so weit damit auseinander, wie nötig wäre, um diese Probleme zu lösen.
Ist das nicht ein Hauptproblem der Menschheit?

2. Daniel Kömpel - 6. Mai 2007

Hallo alvanx,
ich will damit ja auch nicht sagen, dass jeder Otto-Normal-Surfer einen caritativen Weblog anlegen soll, da er sonst seiner Rolle in der Gesellschaft nicht gerecht wird. Vielmehr wundert es mich, dass es so wenige SoSo-Projekte von Organisationen oder deren Mitgliedern gibt. In der PR-Branche hat jeder CEO, der etwas auf sich hält und im Web 2.0 aktiv ist, ein eigenes Weblog. Klar, die kennen sich ja auch mit dem Medium und dessen Technik aus. Aber technische Eintrittsbarrieren sind mittlerweile so stark gesunken, dass das als Ausrede kaum noch gelten kann.
Allerdings habe ich auch stark den Eindruck, dass die meisten Blogs i.d.T. dem Eigenmarketing dienen bzw. dem Ausbau der Credibility – sozusagen der Webwährung. Wenn dem wiklich so wäre, wäre meiner Ansicht ein großer Teil des Potenzials des Web 2.0 vergeben. Brecht jedenfalls hätte dies so mit Sicherheit nicht erwartet, als er seine Radiotheorie formulierte.

3. alvanx - 7. Mai 2007

Mir sind allerdings einige karitative oder der Natur zugute kommende Websites bekannt, aber kein einziges Blog.
Wo liegen für dich denn in diesem Bereich genau die Vorteile eines Blogs? Wenn es nämlich keine speziellen gibt – vielleicht haben die Macher auch einfach festgestellt, das Websites an sich praktischer sind.
Aber ich vermute, dass deine Aussage gar nicht speziell auf Blogs ausgelegt war, sondern allgemein die mangelnde Webpräsenz von sozialen Projekten anprangern sollte. Unterschrieben!

4. Daniel Kömpel - 7. Mai 2007

Richtig – das Social Web wird oft auf Blogs reduziert, was die Sache ja gar nicht trifft. Man kann Menschen logischerweise viel besser in eine Sache einbinden, wenn sie sich auch selbst einbringen können. das kann ja nicht nur in Blogs geschehen.

Ansätze dazu gibt es zum Beispiel bei den Projekten http://www.mifkad.org.il/en/ oder http://www.deine-stimme-gegen-armut.de/

Letztere schaltet sogar Werbung auf MTV mit einem riesigen Staraufgebot, das die Aktion unterstützt. Es gibt sogar eine Unterseite mit einem eigenen Blog, doch trotz massivem Marketing wird so gut wie nicht kommentiert.

Es ist zwar m. E. ein guter Anfang, Stimmen gegen unmenschliche Zustände zu sammeln, um die Regierungschefs zu beeinflussen. Doch setze ich Voraus, dass 99,9% aller Menschen eine Aktion unterstützen, die armen Kindern helfen will – eine Unterschrift ist auch schnell gegeben – aber was kommt dann?

5. 7an - 10. Mai 2007

Tolles Video, aber das Zitat von Gandhi ist auch klasse. Auf Geld kommt es im Journalismus nicht an, anderseits könnte man auch sagen, dass jemand, der sich dem ehrlichen Journalismus verschreibt, an nichts Mangel haben sollte. Das versteht sich von selbst.

Das mit dem Friedensjournalismus ist so eine Sache. Frieden ist eigentlich ein Loch. Frieden zeichnet sich eben dadurch aus, dass keine Probleme da sind, dass alles okay ist. Also worüber soll man berichten? Es liegt in der Natur der Sache, dass man ein spannendes Thema braucht, um darüber berichten zu können.

Mit dem Caritativen ist das wieder eine andere Sache. Das ist sehr persönlich. Entweder ich habe eine Veranlagung zu helfen oder eben nicht – vereinfacht gesagt. Bzw. man braucht halt etwas, dass einen persönlich bewegt. Man kann nicht verlangen mal so was caritatives zu machen. Das ist Blödsinn. Warum? Weshalb? Wo ist der Grund? Der Auslöser? Der Aufhänger? In dem Kontext bin ich mir auch sicher, dass Brecht sehr wohl mit den Blogs zufrieden wäre. Was hätte er mehr wollen können, als dass jeder seine Meinung sagen kann und sie jeder Mensch auf der Welt empfangen kann?

PS: Immer wenn ich von Gandhi höre, muss ich auch daran denken, dass er auch ein ganz schöner Bastard war. Dieses Portrait der ZEIT verschafft Klarheit.
Der eitle Asket: http://www.zeit.de/2005/09/P-Gandhi_

6. Daniel Kömpel - 10. Mai 2007

Ein wirklich guter Beitrag zu Gandhi – danke für den Link. Beim Betrachten der Blogosphäre sollte man die Ebenen auf persönlicher, des beruflicher (oder organisationstechnischer) und gesellschaftlicher Ebene betrachten. Auf der persönlichen Ebene erfüllen sie sicher ihren Zweck. Sie unterhalten und ermöglichen, sich auszutauschen. Auf organisatorischer Ebene gibt es im Bereich der Selbstvermarktung gute Beispiele, der Nutzen für große Unternehmen ist noch recht gering. Auf gesellschaftlicher Ebene ist der Einfluss in Industrieländern – bisher – sehr gering.

Brechts Radiotheorie entstand in einer Zeit großer gesellschaftlicher Umwerfungen – zwischen Weimarer Republik und drittem Reich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er diese Theorie nicht unter dem Gedanken formuliert hat, dass dieses Prinzip gesellschaftliche Auswirkungen im Sinne von Aufklärung und Friedensförderung unterstützen könnte. Von daher wäre er m. E. von der heutigen Blogosphäre etwas enttäuscht …


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