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Schulmassaker und die Killerspiele 3. Mai 2007

Posted by Daniel Kömpel in Grundlegendes, Journalismus / Neue Medien, Private Netzwelten.
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„Alle Käufer von sogenannten „Killerspielen“ gehören in den Knast!“

Das ist glücklicherweise noch nur die Meinung von Günther Beckstein und einigen wenigen Querköpfen. Doch das Image der Computerspieler wird aufgrund irreführender Medienberichte mehr und mehr in den Dreck gezogen. Gestern ist laut www.theinquirer.net ein chinesischer Jugendlicher verhaftet worden, weil er eine Counterstrike-Map seiner Schule erstellt hat. Er wurde des Weiteren ohne Gerichtsverfahren in Sicherheitsverwahrung gesteckt und ist von seiner Schule verwiesen worden. Zum Glück wusste niemand an meiner Schule, dass ich in der sechsten Klasse mal den C64-Klassiker Teacher-Busters gespielt habe …

Jedoch ärgert mich die Berichterstattung der Medien immer öfter – vor allem die unqualifizierten Bemerkungen mancher Provinz-Politiker, die sich anhand dieses Themas medial in den Vordergrund spielen wollen. Oder dieses Beispiel einer Berichterstattung des „Spaßsenders“ Fox news.

Hier nun mal einige Fakten bezüglich dem Zusammenhang von Schulmassakern und gewalttätigen Computerspielen:

  • Es wird immer noch verbreitet, Robert Steinhäuser, der Amokschütze von Erfurt sei extremer Counterstrike-Spieler gewesen. Das ist nicht wahr.
  • Betreffend des Amoklaufs an der Geschwister-Scholl-Schule in Emsdetten: Hier wird immer wieder behauptet, der Amokläufer habe ein Counterstrike-Level seiner Schule vor dem Amoklauf erstellt. Es gab auch wirklich eine Map einer Geschwister-Scholl-Schule – aus dem Jahr 2000 und sie zeigt ein Schulgebäude aus Melsungen in Hessen.
  • Wissenschaftlich lasse sich nicht nachweisen, dass Computerspiele aggressiv machten, sagt Prof. Jürgen Fritz, Leiter des Forschungsschwerpunkts „Wirkung virtueller Welten“ der Fachhochschule Köln: „Die These „virtuell schießen – real morden“ ist Blödsinn.“
  • Ausschreitungen auf so genannten LAN-Parties, bei denen bis zu mehrere Tausend Computerspieler für ein Wochenende auf engstem Raum gemeinsam „daddeln“, „sind mir nicht bekannt“, so Thomas von Treichel von World Cyber Games Deutschland. „Im Gegenteil, bei den World-Cyber-Games in Singapur saßen Iraker neben Amerikanern, Schweizer neben Türken. Man kam bestens miteinander aus.“
  • „Ein Verbot des legalen Verkaufs führt, wie die Realität zeigt, dazu, dass Spiele im Ausland gekauft oder illegal aus dem Netz gezogen werden“, so Thomas von Treichel. Das resultiert letztendlich darin, dass eine notwendige Diskussion der Inhalte bzw. eine Auseinandersetzung der Eltern mit dem Thema erschwert wird.
  • Eine Verbotsforderung täuscht über die aktuelle Gesetzlage hinweg: Genau wie bei Filmen gibt es auch bei Computerspielen bereits eine Prüfung durch die Freiwillige Selbstkontrolle. Jugendgefährdende Inhalte werden erst ab 18 Jahren frei gegeben. „Die aktuellen Regelungen zum Jugendschutz haben sich bewährt“, meint auch Olaf Wolters, Geschäftsführer des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungssoftware in Berlin.
  • Psychiater Lothar Adler auf Focus online: „Für den Amoklauf von Euskirchen vor über 20 Jahren machten Experten Pornos verantwortlich, an späteren Amokläufen sollen unmenschliche Verhältnisse an den Schulen oder Killerspiele am PC schuld gewesen sein. Mit Amok hat das alles aber nichts zu tun“
  • Aggressive Computerspiele führen bei Kindern nach einer Studie der Freien Universität Berlin zufolge nicht unbedingt zu Gewalt. Vielmehr sei es oft umgekehrt, dass aggressive Schüler entsprechende Spiele bevorzugten, so die Erziehungswissenschaftlerin Astrid Kristen in einem dpa-Interview.

Der amerikanische Secret Service hat in einer eigens durchgeführten Studie aus dem Jahr 2002, der „Safe School Initaitive“, in der 37 Amokläufe in den USA untersucht wurden, folgendes konstatiert:

  • One-eighth of the attackers exhibited an interest in violent video games (12 percent, n=5).
  • There is no accurate or useful profile of students who engaged in targeted school violence.
  • Most attackers engaged in some behavior, prior to the incident, that caused others concern or indicated a need for help.
  • Many attackers felt bullied, persecuted, or injured by others prior to the attack

Und was ich im Bezug auf die Waffendebatte in den USA am lustigsten finde:

  • Most attackers had access to and had used weapons prior to the attack.

Ich will damit jetzt nicht gutheißen, dass 13jährige Kinder 12 Stunden am Tag gewalttätige Computerspiele zocken – im Gegenteil. Ich würde meinen minderjährigen Sohn ja auch keine Pornos oder Splatter-Streifen ansehen lassen. Letztlich liegt es auch bei PC-Spielen in der Verantwortung der Eltern und Erzieher, auf eine sinnvolle und ausgewogene Nutzung zu achten. Ein Verbot ist nichts weiter als das Eingeständnis, dass man dazu nicht in der Lage ist, weil man die Entwicklungen schlicht verschlafen und zur „Online-Generation“ keinen Zugang hat.

Übrigens gibt es morgen (04.05.) ab 19:00 Uhr ein Interview mit den Jungs von Hellgames Leverkusen über „Killerspiele“ auf Radio Leverkusen. Hier der Live-Stream. Wer noch mehr zu dem Thema erfahren will, ist hier und hier gut aufgehoben.

Kommentare»

1. alvanx - 3. Mai 2007

Vielleicht der bestformulierte Artikel, den ich zu diesem Thema bisher gelesen habe. Kompliment!
Meines Erachtens fehlt bei Punkt 1 der „störenden Punkte“ – nämlich dass Robert Steinhäuser keinesfalls ein extensiver CS-Spieler gewesen sei – noch eine entsprechende Richtigstellung. Was also ist die Wahrheit, wenn er kein CS-Freak war?
Gruß

2. Daniel Kömpel - 3. Mai 2007

Vielen Dank alvanx aka Ben,
freut mich sehr, dass dir der Beitrag gefallen hat. Zu deiner Kritik: Ja, das hätte ich wohl anführen sollen. Die Infos stammen aus dem offiziellen Polizeibericht:

„Nach dem Bericht der „Gutenberg-Kommission“ hat Robert Steinhäuser einige „gewaltdarstellende“ (und teilweise indizierte) Videofilme wie Fight Club, Predator oder Desperado besessen und ebenso Ego-Shooter wie Return to Castle Wolfenstein, Half-Life oder Hitman. Für das Computerspiel Counter Strike, das im Zusammenhang mit dem Amoklauf häufig von den Medien erwähnt wurde, hat sich Steinhäuser dem Bericht zufolge anscheinend nicht interessiert.“ Quelle Wikipedia

3. Weltregierung - 4. Mai 2007

Hach ja … Teacher busters….:-)

Zur RAF gab´s auch n Game – und von Commando Lybia
und XX-Manager wollen wir garnet reden.

– TheGoodOl´Timesregierung.

4. Daniel Kömpel - 4. Mai 2007

Lustigerweise hatten damals alle die selben Spiele. RAF: “Tarne dein Haus mit Bundeswehrtarnnetzen” – ein Klassiker ;) Und trotzdem sind wir wertvolle Mitglieder der Gesellschaft geworden *hüstel*

5. M.B. - 4. Mai 2007

Man kann es doch zusammenfassen unter: Die Schuld liegt immer bei der Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die nur noch dem Medien- und Güterkonsum huldigt und in der das Getöse der Bohlens & Konsorten immer mehr Aufmerksamkeit bekommt, sollte sich nicht über durchgeknallte Opfer und deren Opfer beklagen.
Gewaltspiele sind genauso ein idiotischer Grund fuer Gewaltausbrüche wie die immer wieder gern genommene „schwere Jugend“.

6. Daniel Kömpel - 4. Mai 2007

Richtig – einen interessanten Ansatz bezüglich der vermehrt auftretenden Amokläufe in neuster Zeit ist meiner Meinung die mediale Präsenz der Amokläufe selbst. Auf diese These bin ich kürzlich gestoßen und sie erscheint mir sehr plausibel. Wenn etwas so präsent ist, spornt es eben zum Nachmachen an, wenn man ohnehin nichts mehr zu verlieren hat.

7. Peace - 8. Mai 2007

Also erstmal Daniel ist das ein wirklich guter Bericht wenn nicht sogar der beste zu diesem Thema. Ich finde es immer wieder interessant wie die Schuld auf das Unbekannte, in dem Fall die Killerspielzocker, geschoben wird. Wenn ich mir allein mal die Nachrichten im Fernsehen anschaue, das dort dargestellte übertrifft doch so gut wie alle PC-Spiele und sogar viele Filme. Und wie du schon sehr schön geschrieben hast gab es schon vor Killerspielern Amokläufe, nur hatte man da eben andere Schuldige

8. Daniel Kömpel - 8. Mai 2007

Danke Peace, das Thema liegt mir auch am Herzen. Ich halte auch latente und unrealistische Gewaltdarstellungen im Vorabendprogramm für viel gefählicher, da es abstumpfen lässt und jedes 10-jährige Kind mit ansehen kann, dass man einen Menschen schnell und sauber erschießen kann, ohne das irgendwo Blut fließt. Oder die immer gleichen Bilder von Terroranschägen und Kindesverwahrlosung im TV, auf die du sicher anspielst.

Bei expliziter, realistischer Gewaltdarstellung – beispielsweise die ersten 15 Minuten von „Private Ryan“ – habe ich niemanden im Kino gesehen, der ob des Massakers an der Normandie noch gejubelt hätte. Alle waren entsetzt. Das hat sicher niemanden zu einem Killer gemacht …

Trotzdem tun sich die Gamer auch keinen Gefallen damit, diese Spiele total zu bagatellisieren. Sie sind z. T. brutal und die Altersbeschränkung ist sicher gerechtfertigt.


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