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Hype der virtuellen Welt? 1. Mai 2007

Posted by Daniel Kömpel in Aktuelles, Private Netzwelten.
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„Wenn ich auf meinem Totenbett liege, werde ich kaum sagen: Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit damit verbracht, auf meinem Arsch zu sitzen und auf Pixel zu starren.“

Dieses Zitat stammt von Neal Stephenson, dem Namensgeber der Alter Egos, die zu Millionen die unterschiedlichsten virtuellen Welten bereisen. „Avatar“ ist der Begriff, der das grafische Ebenbild von realen Personen in eben diesen Welten beschreibt. Geprägt hat Stephenson den Begriff 1992 in seinem Roman „Snow Crash“. In der Netzzeitung findet sich ein interessantes Interview mit ihm.

Begeistert ist Stephenson von dem Hype um virtuelle Welten, wie man dem Zitat entnehmen kann eher weniger. Die dreidimensionalen Welten, die er in „Snow Crash“ heraufbeschwört sind als Zukunftsprognose gescheitert. Was heute als dreidimensionale Welten propagiert wird, ist in Wirklichkeit auch nur zweidimensional, da es nun einmal auf einem zweidimensionalen Monitor abgebildet wird. Die Cyberpunk-Utopien der Neunziger Jahre mit Datenhelmen und -handschuhen sind für den Starautor Marotten, die sich nicht realisieren werden. Denn der Hauptgrund für den Erfolg des Web 2.0 ist dessen Einfachheit:

„Leute ohne technischen Sachverstand können Websites heute leicht gestalten und verwalten. Ich kann ein Foto mit meinem Telefon knipsen, es über Bluetooth auf meinen Computer laden und in zwei Minuten auf einer Wiki-Seite veröffentlichen.“

Doch hier widerspricht sich Stephenson meiner Meinung nach selbst: Noch vor wenigen Jahren wäre auch dies für den Otto-normal-Webnutzer nicht möglich gewesen. Der technische Fortschritt – insbesondere, was Rechenleistung und -kapazität sowie Nutzerfreundlichkeit betrifft – hat dies ermöglicht. Nach dem Mooreschen Gesetz wird sich diese Entwicklung weiter fortführen.

„Was kann eine 3-D-Landschaft anbieten, das den hohen Aufwand rechtfertigen würde? Zwei Antworten sind: Eine naturalistische soziale Interaktion und die Möglichkeit, die Warenwelt aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.“

Richtig – eine realistische soziale Interaktion und eine ebenso realitätsnahe virtuelle Konsumwelt sind Argumente, die die Entwicklung zu einem tatsächlichen dreidimensionalen Internet nach meiner Ansicht unausweichlich erscheinen lässt. Bereits heute entdecken mehr und mehr Firmen die Plattform Second Life als neuen Informations- und Absatzkanal (hier eine interessante Präsentation von Neville Hobson zu diesem Thema, gehalten auf der Euroblog2007 Conference). Und was „realistische soziale Interaktionen“ betrifft: Sex ist bereits im 2D-Web eine absolut treibende Kraft. Man stelle sich nur vor, wie die dreidimensionale Weiterentwicklung aussähe.

Das US-Militär benutzt 3D-Simulationen bereits zur Ausbildung der nächsten Soldaten-Generation, MMORPGs wie World of Warcraft verzeichnen bereits über acht Millionen zahlende Mitglieder – Tendenz steigend. Der technische Fortschritt wird echte umfassende dreidimensionale Welten früher oder später ermöglichen. Der Einfluss von Science-Fiction Literatur auf tatächliche technische Neuentwicklungen ist wissenschaftlich bewiesen, es gibt sogar eine Abteilung der ESA, die sich ausschließlich damit auseinandersetzt.

Ist das dreidimensionale Web also nur eine Frage der Zeit?

Schließlich könnte man das Eingangszitat auch noch etwas relativieren: „Wenn ich auf meinem Totenbett liege, werde ich kaum sagen: Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit damit verbracht, auf meinem Arsch zu sitzen und…
… mich für meinen Arbeitgeber krumm zu schuften?
… fernzusehen?
… zu lesen?
… zu essen und zu trinken?
… zu bloggen? ;)

Dennoch verbringen wir damit unsere meiste Zeit. Doch jedes für sich alleine genommen macht natürlich kein Leben aus…

Kommentare»

1. Mask of the Betrayer - 2. Mai 2007

Ob alle Entwicklungen in dieser Richtung Anklang finden werden ist imho fraglich.
Ganz klar im Spielebereich oder Simulation wird es weiter wachsen, aber ob SecondLife etc. einmal das WWW austauschen werde ist nicht wirklich realistisch. Einfach unpraktisch. Das WWW bietet mir Informationen so wie ich sie haben will. Übersichtlich und gut formuliert in Form von Dokumenten.

2. Daniel Kömpel - 2. Mai 2007

Sicher – Ich denke, es wird sich auch nicht jeder einen Datenhelm auf den Kopf stecken wollen, der nur eine Telefonnummer herausbekommen will. Aber für eine effektive Datenspeicherung und -verwaltung ist eine 3D-Oberfläche sicher nicht hinderlich (Minority Report lässt grüßen).
Was ich eher bedenklich finde, ist die Tatsache, dass Plattformen wie Second Life einem kommerziellen Anbieter gehören und auf dessen Serverpark läuft. Sollte sich solch ein 3D-WWW-Format irgendwann durchsetzen, steht das natürlich in krassem Gegensatz zur dezentralen und unkommerziellen Struktur des Internets.

3. T.C. - 2. Mai 2007

Hi,

ich wollte mich endlich mal zum Thema „Second Life“ äußern. Dank dir Danny kann ich das dank des Internets jedem zugänglich machen.

Ich denke das Second Life eine tolle Idee ist. Man kann sich verstecken, verstecken vor der Realität. Dies ist aber zugleich die größte Gefahr bei diesem 2. Leben. klar das geht auch bei Online-Rollenspielen und im ganz „normalen Web“. Aber hier geht es um Second Life. Ich denke aber das hier die Suchtgefahr oder die Gefahr sich an die virtuelle Welt zu verkaufen noch weitläufiger ist. Grund? Es ist realer als WOW, DOD etc.. Hier können sich Menschen in einigermaßen realer Gestalt bewegen, so wie wir es aus dem realen leben kennen bewegen und agieren. Mittlerweile wurde ein Level erreicht das eigentlich beängstigend ist. Man redet von Kapitalismus, Mafia und anderen Dingen die wir eigentlich schon nicht in der realen Welt haben wollen. Okay der Kapitalismus kann bleiben. Wieviele Menschen sind dem Phänomen Second Life schon verfallen? 100, 1.000, 10.000? Die Schwarzzahlen werden auch hier wieder sehr hoch liegen und wir werden es nie erfahren! Ich denke dieses Spiel saugt wieder Tausende in eine Welt in der Sie sich selbstsicher fühlen können ohne es im realen Leben zu sein.

Heißt das jetzt, das wir Menschen es schon wieder vemasselt haben eine Welt aufzubauen? Unsere 2. Welt?

4. Daniel Kömpel - 2. Mai 2007

Ich halte von Second Life persönlich nicht viel. Es ist eben nur eine Plattform von vielen. Die Möglichkeiten sind dort noch sehr begrenzt und über die Grafik-Engine braucht man nicht zu reden. Wie man sich in dieser Welt verlieren kann, ist mir ein Rätsel. Anders sieht das bei MMORPGs aus. Hier besteht mit Sicherheit ein großes Suchtpotenzial. Es gibt bereits die ersten Selbsthilfegruppen und Anlaufstellen. Und ich kenne ein paar Leute, die diese auch besser in Anspruch nehmen sollten. Es ist mit den virtuellen Welten wie mit allem anderen auch: Zuviel ist schlecht und man vernachlässigt irgendwann das „First Life“ …


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